Henner Kotte mit Fibel
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Henner Kotte
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Was macht Henner Kotte eigentlich so den ganzen Tag lang? Er liest, schreibt, recherchiert, lässt den Fernseher laufen, sitzt im Theater oder trinkt Kaffee in einer kleinen Rösterei neben der Leipziger Stadtbibliothek. Zwischendurch sieht man den Schriftsteller mit Menschengruppen an den Fersen durchs Zentrum der Messestadt stiefeln - Kotte führt Krimi-Stadtrundgänge durch.

Der gemütliche Typ wohnt südlich der Innenstadt, stammt aber aus dem Norden - 1963 wurde er in Wolgast als Praktikumskind eines Dresdner Ärztepaares geboren. "Dort, vom Strand, hab ich vielleicht mein sonniges Gemüt her", sagt der, der noch als Zwerg in die Heimat seiner Eltern zog und an Zwinger und Elbe aufwuchs.

Was man heute nicht glauben mag: Der junge Henner besuchte ab der 8. Klasse eine Kinder- und Jugend-Sportschule. War Leichtathlet! 1978 holte er gar den Vize-DDR-Meistertitel in der 4-×-100-Meter-Staffel. Mit ihm lief der spätere Kabarettist Uwe Steimle. "Wir waren in einer Staffel, einer Trainingsgruppe und einer Klasse." Auch in der 11. und 12. Klasse auf der berühmten Kreuzschule - Henner absolvierte den "normalen Teil ohne Gesang" und kam dort zu seinem "Schauspiel-Touch", den er hin und wieder auch auslebt.

Es folgten der Grundwehrdienst an der Grenze in Berlin und der Schock des vier Jahre jüngeren Bruders Gerolf. "Ich kam dick und degeneriert zurück, wog 20 Kilo mehr." Eine stolze Leistung für anderthalb Jahre.

1984 wechselte Henner Kotte nach Leipzig, zum Studium der Germanistik, und geriet gleich in die Gegend, in der er auch heute wohnt, die Umgebung des Bayerischen Bahnhofs. 1987/88 ging er für ein Semester an die Moskauer Lomonossow-Universtät. Es war die spannende Zeit der Perestroika. "Ich konnte dort die sowjetischen Filme anschauen, die in der DDR verboten wurden. Dann kam ich wieder, und hier war alles bekloppt".

Der Diplom-Arbeit über die assoziative Einschätzung von Vornamen (Ergebnis: Wir Deutschen lieben das Vokalreiche) setzt er Anfang der 1990er Jahre ein Forschungsstudium in Mannheim nach. "Aber keinen hat's interessiert, der Betreuer war 'abgewickelt' worden."

Verlorene Jahre? Aus heutiger Sicht nicht. Denn in Mannheim begann Henner Kotte zu schreiben, "weil es dort so langweilig war und ich keine sozialen Kontakte hatte". Zunächst entstehen wissenschaftlich geprägte Kriminalgeschichten, u.a. eine, bei deren Lektüre nicht klar wird, wer spricht. Der Germanist experimentierte. Und fragte sich: Schaffst du es, dass es logisch, plausibel und unterhaltsam wird?

1994 kehrte Kotte zurück nach Leipzig, war arbeitslos, unterrichtete Deutsch als Fremdsprache, wurde umgeschult zum Fernsehredakteur, leistete ABM beim Literaturrat Sachsen und dem Förderkreis Freie Literatur und bekam 1997 den MDR-Literaturpreis.

Im Jahr 2000 schließlich erschien das erste Buch, "Natürlich tot!", zwei Jahre später arbeitete Henner Kotte an der Fernsehserie "Vergessene Akten" für den MDR. Er war in seinem Element, erhielt Anerkennung, konnte schreiben und allmählich davon leben.

Sein Leben wiederum findet sich in seinen Büchern. Das Lokalkolorit der Leipzig-Krimis stimmt bis auf die Speisekarte. Straßen, Plätze, Kneipen werden mit ihren wirklichen Namen genannt, alle Figuren sind auf reale Personen aus seiner Umgebung zurückzuführen. "Das ist ein Verdienst meines ehemaligen Verlegers Frank Festa", verrät Henner Kotte. Und so beginnt beispielsweise "Der Tote im Baum" an der Landsberger Straße ...

von Bert Hähne