Verfolgung

„Bitte, du musst mir helfen. Bitte!“

Er bemüht sich um diesen flehenden Ton, der Herzen erweicht, und erzählt alle Lügen der Welt. Und er hält mir seine dreckigen Hände mit nix drin entgegen. Aber er hat keine Chance. Diese Mitleidsmasche zieht bei mir nicht. Ist doch immer das Gleiche: Sie betteln um Pfenge, und wenn man sie gibt, setzen sie’s sofort in Drogen oder Alkohol um. Ich übersehe den Typen und greife zum Flakon mit dem Duft, für den die Rosselini mal warb. Aber dieser Kerl weicht nicht, ich sprühe ihm das Parfum in die Schnauze.

Die Kinder hab ich verkauft. Olaf ist zum Kongress. Ich habe endlich die Stunden, um durch die Läden zu bummeln. Ist nicht oft, und wenn, genieß ich die Zeit. Schuhe habe ich keine gefunden, obwohl ich vier Häuser schon abgeklappert habe. Die Boutiquen scheinen auch nur Größen für Minderjährige auf die Bügel zu hängen. Das Jäckchen hat zwar gepasst, aber die Farben waren etwas für meine Tochter. Ich wieder raus, und seitdem läuft mir dieser Typ hinterher und bettelt und erzählt, als hinge sein Leben daran.

„Ich tu es nicht gern, wie du weißt. Die Umstände zwingen mich dazu. Ich muss etwas essen, habe drei Tage gehungert.“

Verhungert sieht er nicht aus, und eine herzzerreißende Geschichte erzählen sie immer. Medikamente für die sterbende Freundin, die Auslösesumme für den Guantanamo verhafteten Bruder, meistens sind sie selbst am Verhungern. Lügen, eine unglaublicher als der Fernsehfilm am Sonntagabend. Aber der geht immer gut aus. Was sie hoffen und worauf sie vertrauen. Auch wenn sie mich dauern, ich glaub solchen Menschen kein Wort. Und ich habe Erfahrung, bin nicht nur einem begegnet. Für ihre Geschichten gibt es Wohlfahrtsverbände, das Amt und Verwandte, die hören von Berufs wegen zu. Mir hat im Leben auch keiner irgendetwas geschenkt. Eigener Hände Arbeit bringt Wohlstand. Und auf was habe ich alles verzichtet. Ich drücke am Sprayer. Ein bisschen zu süß, diese Note, stelle ich fest, als ich mir am Handgelenk schnuppre. Ich stell das Fläschchen zurück und geh zu den Klassikern Joop, Chanel, Kenzo. Der Typ hält sich noch immer die Nase, schneuzt in seinen Ärmel und phantasiert wahrscheinlich an der nächsten Geschichte, so wie der mich anguckt. Aber mit mir braucht er gar nicht zu reden.

Schuhe hat das Haus preisgesenkt, Sommerschlussverkauf war doch schon. Na, so wie die Botten hier aussehen, sind die Einkäufer auf dieser Ware sitzen geblieben. Verspekuliert. Selbst für siebzig Prozent Rabatt lass ich mir diese Gurken nicht einpacken. Die T-Shirts sind alle bedruckt und nicht mal mit den Namen der Marken. Ein Blick genügt, und ich sehe die offenen Nähte. Die Winterkollektion hängt noch nicht auf den Ständern. Zeit wäre es.

Aber der Mantel! Dass es so was noch gibt. Dreißiger Jahre war der Schnitt Mode. Taillenbetont. Pelzbesatz. Kann denn Liebe Sünde sein ... In den Sechzigern kam die Sihouette noch einmal auf. Muss ich probieren. Die Kabinen sind für meine Taschen beinah zu klein. Der Spiegel sagt: Passt. Aber zur Sicherheit werde ich die Verkäuferin fragen. Ich möchte Olaf nicht mit einer Fehlinvestition reizen.

„Bitte! Ich flehe dich an!“

Und vorm Vorhang hält er mir seine Hände schon wieder hin. Meine Sachen kann ich ihm nicht überlassen. Ich muss die Verkäuferin rufen. Hallo! Hallo! Bedienung! Als sie hinter der Ecke erscheint, ist der Typ längst verschwunden.

Sie rät mir zu, nicht weil es ihr Job ist. Sie macht den Eindruck ehrlichen Erstaunens.

„Stand bislang noch keiner so gut. Wirklich, wie für Sie geschneidert!“ Und sie geht um mich rum, zupft hier mal und da, bleibt stehen und nickt immer wieder. „Toll. Einfach toll!“

Sie hat mich überredet, und ich lasse den Mantel zur Kasse bringen und schau mich weiter in den Regalen noch um. Nicht mehr viel los im Gemäuer, seit der Konzern vor dem Ruin steht. Wahrscheinlich senken sie deshalb die Preise. Gehen wir, stirbt die Stadt! So schnell ist nicht gestorben. Aber Arbeitsplätze sind ein guter Grund, Geld zu bekommen. Das Argument zieht da. Bei mir aber nicht. Ich sehe den Bettler eine andere Frau anbaggern. Die glaubt seine Geschichte und greift aus Mitleid zum Portemonnaie. Dumme Kuh!

Ich schlendere bei Personenwaagen und Besteckkästen vorbei. Befühle Dessous und probiere vier Hüte. Die Rolltreppen fahren mich weiter nach oben. Dann schlägt die Uhr die volle Stunde. Beginnt im Kellergeschoss der Springbrunnen zu plätschern, da schaue ich zu. Wasserspiele haben mich jeher fasziniert. Und die Fontäne, sie sprudelt bis unter die Decke, das Publikum ist begeistert. Es stirbt weder die Stadt noch das Haus, meine ich. Erst vor drei Jahren haben sie’s neu eröffnet. Und selbst wenn ...

Und dann tippt mir irgendwas an die Schulter, und ich sehe schon wieder in sein Gesicht. Welche Geschichte hat er sich nun ausgedacht?

„Mein Leben hängt davon ab! Bitte! Ich muss ...“

„Ich muss auch. Arbeite auf dem Bau oder kehre die Straßen. Ein Ein-Euro-Job wird sich auch für dich finden! Sich regen, bringt Segen.“

„Ich tu mir was an!“

„Ja, auch ich habe etwas getan. Von nichts kommt nichts! Das wirst auch du noch begreifen!“

„Du allein bist an meinem Tod Schuld! Und du wirst dir ewig Vorwürfe machen! Ich sage dir: Ewig!“

Lügen. Sie erzählen nur Lügen. Aber ich lasse mich von keinem erpressen. Wo kämen wir hin. Kann man sein Geld ja gleich auf dem Marktplatz unters Volk werfen.

Ich trau meinen Augen nicht und sehe den Typen übers Geländer kraxeln. Als er auf der Brüstung steht, sieht er mich an, und ich schreie: Nein! Bitte, tu’s nicht!

„Du bist Schuld!“

Ich seh seine Hände, sie lassen wie in Zeitlupe los, und es hallt, als er brüllt. Und ich stürze zum Abgrund. Der junge Mann liegt verquer unten im Becken, in dem die Springbrunnen sprudeln.

In Panik rennen immer mehr Menschen herbei. Und er bewegt sich, ist noch nicht totschlägt die Augen auf riesengroß. Sein Finger zeigt auf mich, und der kommt immer näher. Alle Gesichter blicken ihm nach und wenden sich mir zu. Ich sehe in schreckgeweitete Augen. Und ich hör seine Stimme, obwohl er nicht schreit, überlaut. Überlaut.

„Sie will mir nicht helfen. Meine eigene Mutter will mir nicht helfen!“

Lüge! Verdammt, warum erzählen sie immer nur Lügen! Dann packt mich ein Weinkrampf und lässt mich nicht mehr los.