Pflichtvergessen

Die Pflicht ruft! Der Wecker klingelt, obwohl er nicht müsste. Ich bin zur Zeit munter geworden. Ich werde täglich zur rechten Zeit munter. Der Rhythmus des Lebens läßt sich im Alter nicht ändern. Ich unterbinde nach einer halben Minute sein Schrillen, bin sicher, dass auch Annabell es gehört hat. Sie quält sich stöhnend auf die andere Seite. Keine Diskussion: Winterdienst ist Männersache. Aber die Gattin kann wenigstens etwas Mitleid für die Wetterverhältnisse und mein Pflichtverständnis heucheln. Tut sie nicht. Früher gab sie mir einen Kuss und hatte den Kaffee schon vorab gekocht. Zeiten ändern sich, aber Pflicht bleibt Pflicht.

Ich fahre in die klammen Klamotten. Sie machen mir Gänsehaut. Das Wetter treibt mich hinaus vor die Türe. Es hat geschneit. Ich muss räumen. Der Grundstückseigentümer hat die Pflicht, die Gehwege begehbar zu machen. Für eventuelle Stürze der Passanten haftet er. Ich könnte mögliche Prozesse schon aus finanziellen Gründen nicht führen. Abgesehen davon, ich verstoße nicht wissentlich gegen Gesetze. Also greife ich zu Schippe und Besen. Das Eimerchen Sand hole ich nach getaner Arbeit. Das Streuen am Schluss ist fast Vergnügen.

Der Frost beißt. Glatteis hat sich über den Platten gebildet. Das sind Gefahren, denen ich Anwohner und Nachbarn nicht aussetzen möchte. Die Schippe wiegt schwer, ich beginne die Arbeit, gerate ins Schwitzen.

Ich muss gar nicht hinschauen, ich weiß es. Natürlich, der smarte Herr Doktor hat keinen Schieber in seine feinen Hände genommen, geschweige denn Sand. Obwohl es seine Pflicht wär. Ab früh sieben bis abends zehn verlangt das Gesetz. Ich habe mich bis ins Detail informiert. In Hektik ist das nicht zu machen. Doch der Herr bleibt bis ultimo in seinem Bett liegen, und dann mit Bemme zwischen den Zähnen zur Arbeit. Früher gab es hier nie solch geartete Komplikationen. Eugen tat seine Pflicht. Margot streute Salz und Sand auf die frei geschaufelten Wege. Jetzt müssen sich die Fußgänger vor ihrem Haus übers Glatteis quälen. Der neue Bewohner ist noch nicht einmal seinen Verpflichtungen nachgekommen. Ich habe ihn mehrmals darauf hingewiesen. Doch der Herr Doktor lächelte mir frech ins Gesicht: Dann wechseln Sie doch die Seite!

Worüber der seine Promotion verfasst hat, frage ich mich. Wenn überhaupt. Nennt sich Dr. von und Unternehmensberater. Sieht aus wie die gestylten Figuren der Vorabendserien: Schmalz in den Haaren, eckige Brille, Dreitagebart und ein Lächeln, von dem er glaubt, dass es Frauenherzen betört. Annabell fällt nicht darauf herein. Margot hat ihm eine gescheuert, als er für ein Viertel des Wertes ihr Haus ersteigerte. Lässig unterschrieb er den Scheck. Der Mann von der Bank steckte ihn ein. Ich habe der Zwangsversteigerung beigewohnt. Wir hatten keine Chance, Eugen und Margot zu retten.

Dieser Lackaffe gehört nicht in unser Viertel. Wir hier kennen einander seit Jahren, haben in sozialistischen Zeiten unsere Heime mit Schweiß und Beziehungen hochgezogen. Und dann setzt sich dieser Dr. von fest in unserer Mitte. Kein Anstand, kein Gefühl, nur Geld, von dem er glaubt, es könne alles bezahlen. Wenn dem so wäre, würde ein andrer seinen Winterdienst übernehmen. Aber dafür ist er zu geizig, der Dr. von, und von uns Nachbarn tut keiner einen Handschlag für den.

Ich fege die gesplitterten Eisbrocken beiseite. Genau dafür stelle ich meinen Wecker. Der Herr Doktor tut nichts. Zentimeterdick ist der Schnee vor Eugens Haus festgetrampelt. Die Leute müssen da drüber, wenn sie durch unsere Straße wollen. Ich darf nicht dran denken, was passieren könnte. Dann knallt seine Haustür.

„Morche.“

So spricht kein Hiesiger. Und ich empfinde den Gruß als reinen Hohn. Weiß der Dr. von und muss sich das Lachen verbeißen. Ich hacke mit Kraft auf den Bordstein. Eisstückchen springen mir ins Gesicht. Ich hole tief Atem.

„Schneeräumen ist Pflicht!“

„Ich komm für die Folgekosten auf.“

Da lacht er herzlich und stolpert seine Post holen oder zum Bäcker. Anzug mit strenger Falte, Schuhe, die die Sonne spiegelt. Die Haare stehen ihm wirr vom Kopfe, zur Arbeit kann der in diesem Aufzug nicht wollen. Obwohl ... was heute Mode, hätte vor Zeiten asozial geheißen. Ich blicke ihm nach und sehe ihn fallen. Kein schönes Geräusch, als sein Kopf aufs Pflaster knallt. Die teuren Schuhe streckt der Herr Doktor der Sonne entgegen. Dann liegt er flach. Winterdienst hat seinen Sinn, haben sich die Volksvertreter was bei gedacht. Ich muss fast lachen und hacke mit Freude ins weitere Eis.

„Hilfe!“

Ich höre ihn rufen und reagiere nicht drauf.

„Helfen Sie mir!“

Ich soll ihm helfen? Kleinlaut wird der Unternehmensberater, seinem Äußeren widersprechend. Vorbei das Gehabe: Was kostet die Welt.

„Ich spüre meine Beine nicht mehr.“

Ich spüre meine Beine nicht mehr. So gefühllos ist er gewesen, als er Eugen und Margot das Heim nahm. Fast dreißig Jahre hatten sie drinnen gewohnt, bis ihnen der Kredit über den Kopf wuchs. Mitleid hat er da nicht gehabt, der Herr Unternehmenberater. Im schnieken Anzug hat er sein Gebot in den Raum geschmettert und das Haus, es war seins. Jetzt liegt er im Dreck, der Herr Dr. von, und noch immer nicht das Wörtchen: Bitte.

Gestützt auf die Schippe komm ich ihm nah. Nein, er sieht nicht gut aus. Seine Beine liegen verquer, am Kopf zieht das Blut Spuren. Seine harten Augen blicken mich an.

„Mensch, nun helfen Sie mir!“

In solchen Situationen noch fordern, er hat kein Benehmen, der Herr. Ich habe auch keins. Ich bücke mich und nehme seinen Kopf in die Hände. Ich hebe ihn an und knalle ihn mit aller Kraft nochmal aufs Eis mit dem darunterliegenden Steinen. Granit, haben Eugen und Margot noch letztes Jahr machen lassen. Sichere Wege sind Pflicht. Ich hab noch zu tun.