Markttag

Diese Frau ist nie pünktlich! Elf fünfundvierzig war vereinbart. Sie sollte hier auf der Bank sitzen. Nein, Ilse sitzt noch nicht auf der Bank. Der schlägt keine Stunde. Mein Gott, jede Sekunde zählt. Gut, stelle ich mich am Wagen für Wurstwaren an. Constanze und die Kinder haben sich wochenends angesagt. Darf der Kühlschrank nicht leersein. Enkel erwarten von Oma immer das Beste, und ich bemühe mich, es ihnen zu geben. Auch das Abwechslung in einem Alltag, der spannend nicht ist. Und Ilse verpasst den Termin! Ich ärgere mich.

„Vierhundert Aufschnitt. Apfel-Zwiebel-Schmalz …“

Die Bedienung guckt, als würde ich chinesisch sprechen. Ich trommle mit den Fingern aufs Glas über der Auslage. Apfel-Zwiebel-Schmalz! Dann verstehe ich mein eigenes Wort nicht. Martinshörner töten alle Gespräche und jedes Geräusch. Blaulichter umkreisen den Markt. Die Kunden stehen erstarrt. Verkäuferinnen verschwinden in ihrem Kiosk. Bitte bewahren Sie Ruhe, tönen die Lautsprecher. Bitte bewahren Sie Ruhe! Ich umkrampfe die Tasche. Plötzlich bricht der Krieg aus. Polizisten in Uniform stürmen den Platz und fordern mit Nachdruck zu gehen. Bitte verlassen Sie den Markt. Bitte verlassen Sie den Markt! Keine Panik. Erste Frauen beginnen zu schreien. Andere rennen ohne Sinn und Verstand. Manche unterbrechen nicht mal den Einkauf. Ich bitte das Mädchen, mir meine Bestellung zusammenzupacken. Apfel-Zwiebel-Schmalz nicht vergessen! Aber die Verkaufskraft ist zu keiner Handlung mehr fähig. Schinkenspeck schmilzt in ihrer Hand. Der Mund steht ihr offen. Der Polizist spricht in hartem Ton.

„Bombendrohung im Alten Rathaus. Wir bitten Sie, den Platz zu verlassen.“

Er versucht, sogar zu lächeln. Die Verkäuferin legt in Zeitlupe den Schinkenspeck aus der Hand und wischt sich am Tuch. Dann zieht sie das Rollo vor ihre Theke. Prrrloppp. Ich stehe davor und habe kein Apfel-Zwiebel-Schmalz kaufen können, und der Polizist führt mich behutsam hinter die rot-weißen Bänder, die lustig im Wind flattern. Polizei kann ich lesen. Sie sperren den Markt. Die Blaulichter blinken. Die Lautsprecher tönen: Bitte bewahren sie Ruhe.

Natürlich: Jetzt sitzt Ilse auf der Bank, ein bissel außer Atem. Sie lächelt, hat mir ein Plätzchen neben sich freigehalten und rückt zur Seite. Ich quetsche mich neben sie. Es ist nicht gemütlich, denn Passanten versperren die Sicht. Sie bilden Trauben. Gerüchte werden geflüstert. Terroristen haben den Anschlag geplant und wollten das Museum sprengen. Mitten in der Stadt, das bringt Schlagzeilen und viele Tote. Eine Mutter weint und schreit: Mein Kind, oh, mein Kind! Trotz oder wegen ihrer Panik halten sie die Polizisten zurück. Bitte bewahren sie Ruhe. Alkaida, Stasi und Wahnsinn machen die Runde. Ernste Gesichter nicken. Den Platz verlassen tut keiner, nur hinter die Absperrung tritt man zurück.

„Ich bleibe“, sagt Ilse, „auch wenn ich nichts sehe.“

Ich steige auf meinen Sitzplatz und bekomme Übersicht von der Lage. Die Uniformierten handeln ihren Befehlen gemäß. Es scheint Routine. An den Verkaufsbuden steht kein Mensch, alle hat man aus dem Gefahrenbereich getrieben. Ein Krankenwagen öffnet sein Heck, und Sanitäter heben die Trage. Wahrscheinlich hat ein altes Herz diesen Stress nicht verkraftet. Bitte bewahren Sie Ruhe! Da sind wir noch jung, sag ich zu Ilse, als ich ihr davon erzähle. Sie lächelt und legt ihr Täschchen beiseite.

Ich bitte einen jungen Mann, Ilse seine Hand zu reichen, damit sie neben mir auf der Bank stehen kann. Er hilft galant und hat einen Scherz auf den Lippen. Sie scheint geneigt, sich von ihm forttragen zu lassen. Da stürmt ein neuer Trupp Polizei durch die Menge. Hunde schnüffeln an Schenkeln und Türen. Menschen erschrecken, rennen und fallen. Es gibt laute Worte. Panik verbreitet sich wie in Wellen. Bei solchem Aufwand kann es sich nur um Ernstes handeln. Die Bomben sind keine Drohung. Es heißt, sie haben verdächtige Personen verhaftet. Und wirklich rennt ein Mann über den Markt. Polizisten hinter ihm her. Hunde bellen. Bitte bewahren Sie Ruhe. Die Menge teilt sich. Ilse krallt sich auf der Bank in meinen Arm. Wir erleben das Chaos hautnah. Nicht nur ein Mann läuft an uns vorbei. Nicht nur ein Bulle hetzt ihm hinterher. Kein Film mit Bruce Willis kann mehr Action zeigen. Kameras fehlen auch hier nicht. Journalisten halten ihre Mikros vor entsetzte Gesichter.

„Mein Gott!“ sagt Ilse.

„War beim Angriff weniger Stress“, sage ich.

Ilse drückt meine Hand. Ich lächle ihr zu. Die Polizei bittet lautstark, den Platz endgültig zu räumen. Bitte gehen Sie weiter. Gehen Sie weiter, es gibt nichts zu sehen. Aber es dauert, ehe sich die Menge zerstreut. Ilse und ich nehmen auf der Bank wieder Platz. Ich stelle mich an der Frittenbude nach Bratwürsten an. Die Aufregung hat sich gelegt. Bei Burger-King hecheln die Hunde zum zigsten Male nach Sprengstoff, den sie nicht finden.

„Zweimal mit Senf.“

Wir Alten mögen weder Mayonnaise noch Ketchup. Der schwarzhaarige Buffettier lächelt und reicht mir die Würstchen. Dieser Imbiss macht gerade den größten Umsatz seit seiner Errichtung. Ich habe solch einen Hunger, dass ich sofort in die Wurst beißen muss. Sie schmeckt lasch, Industrieware und nicht vom Meister privat. Ich denke daran, dass ich für die Kinder noch einkaufen muss. Die vierhundert Gramm Aufschnitt konnte mir die junge Frau nicht mehr packen. Alarm schrieen Polizisten. Bitte bewahren Sie Ruhe!

Ilse nimmt mir die Bratwurst ab. „Danke. Es wird mir schwer fallen, diese Action noch steigern zu können. Herrlich, wie du das gemacht hast.“

„Mit Phantasie schafft man alles.“

Es ist ein Wettkampf. Ich habe bereits eine neue Idee, mit der ich Ilse beeindrucken kann. Auf der Kleinmesse geraten die Menschen noch schneller in Stress, als beim Einkauf im Stadtzentrum. Dort sind Nudeltopf, Achterbahn und Autoscooter besetzt. Bei der Recherche muss ich nur nach Telefonzelle und Sitzbank sehen. Denn Sitzgelegenheiten müssen sein, Ilse und ich wollen die Hektik in Ruhe genießen. Die Nachmittage im Altenheim können uns so etwas nicht bieten. Den nächsten Alarm wird sie geben. Ich bin gespannt.

„Geil“, sagt die Ilse.

„Gehen wir“, sage ich, „sie bauen schon ab.“