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Titelhelden  Der zweite Fall der Leipziger Mordkommission II um Hauptkommissar Lars Kohlund. Zwei Tankstellen liegen rechts und links der Straßenbahngleise an einer stillgelegten Zubringerstraße zur Autobahn. Die Besitzer waren seit ihrer Schulzeit befreundet, nun sind sie zu erbitterten Konkurrenten um die wenigen Kunden geworden. An einem ganz normalen Montagmorgen wird Bernd Kretschmann, der Chef der einen Tankstelle, tot im Wagen in der Autowaschanlage gefunden. Er wurde mit einem Kopfschuss aus nächster Nähe brutal ermordet. Lars Kohlund von der zweiten Leipziger Mordkommission ermittelt, doch er kommt auf keine heiße Spur. Vielmehr tun sich zu viele Spuren auf für den bedächtigen Kommissar: Kretschmann war ein Rechter, der sich lautstark in die Leipziger Lokalpolitik einmischte. In der Buchführung der Tankstelle gibt es Unregelmäßigkeiten, die auch die Witwe Änne nicht erklären kann. Und was lief zwischen Bernd Kretschmann und Pia, der Frau seines Konkurrenten von der gegenüberliegenden Straßenseite? Dann erscheint auf Seite eins der Zeitung ein Tatortfoto mit dem grausam zugerichteten Toten und der schockierten Witwe. Allen in der Mordkommission ist klar, dass es eine undichte Stelle geben muss. Kohlund kann seinen eigenen Leuten nicht mehr trauen. Titelhelden, 2006, Rotbuch, ISBN: 3-434-53154-8 Titelhelden: Henner Kottes zweiter Leipzig-Krimi bringt Zunder geschrieben von: Ralf Julke am Sonntag, 19. November 2006 Henner Kotte hat ein Thema für sich entdeckt: Die sächsische "Hauptstadt des Verbrechens" Leipzig. Die Stadt ist der stille Held seiner Kriminalromane, deren erster als "Abriss Leipzig" 2005 im Festa Verlag erschien. Der zweite folgte jetzt im Rotbuch Verlag, nennt sich "Titelhelden" und ist natürlich jenen Leuten gewidmet, die mit aller Macht auf die erste Seite der sensationslüsternen Medien wollen. Sei es mit Mord, Totschlag, Brandstiftung. Leipzig ist ein heißes Pflaster. Kotte musste nach dem Thema nicht suchen. Es liegt auf der Hand. Er lebt in dieser Stadt und hat 1997 den MDR-Literaturpreis mit einer Crime-Story gewonnen. Was auch mit seinem Stil zu tun hat: kantig, schroff, hinterhältig. In seinem im Fünf Finger Ferlag erschienenen Roman "Vivace" steckt der Autor sogar selbst in der Haut der Ganoven. So tief, dass sich die Perspektive verzerrt und Leipzig nur noch als kriminelles Pflaster erscheint, auf dem die Polizei machtlos ist. Was sagt die Statistik? Unter Deutschlands Großstädten landete Leipzig 2005 auf Platz 8, was die Kriminalitäts-Häufigkeit betraf. Von der Einwohnerzahl her kommt Leipzig nur auf Platz 12. Aber wer berühmt, beliebt und oft besucht ist, zieht natürlich auch die Ganoven an. Fast die Hälfte aller Straftaten waren Diebstähle. Ein Thema, das selbst in einschlägigen Tatorten und Polizeirufen im deutschen TV unter Pillepalle läuft - alle die SOKOs und Mordkommissionen kümmern sich landauf, landab und Abend für Abend nur um eines: Mord, Totschlag, das Allerfinsterste im Menschen. Davon verzeichnete die Leipziger Polizei im Jahr 2005 gerade mal 18 Fälle. 18 Fälle zu viel, sicher. Drei davon konnten bis heute nicht aufgeklärt werden. Im Jahr 2004 gab's 19 Fälle, einer davon blieb unaufgeklärt. Aber um es einmal klarer zu machen: Das sind nur 0,03 Prozent aller Leipziger Straftaten. Viel häufiger hat die Polizei mit Raub und räuberischer Erpressung (529 Fälle), Körperverletzung (3.036 Fälle) Straßenkriminalität (20.240 Fälle) und Sachbeschädigung (8.062 Fälle) zu tun. Das zeichnet ein ganz anderes Bild, das einer Stadt nämlich, die den zunehmenden Frust der Aussortierten und Chancenlosen in Zeiten von "Hartz IV" zu spüren bekommt: Es wird randaliert, geprügelt, bedroht und schikaniert. Die eigene Hilflosigkeit wird an der Umgebung und den direkten Nachbarn abreagiert. Teil diese Bildes ist auch die Zunahme einer Zahl, die derzeit die Titelmacher beschäftigt: die der Brandstiftungen. Von 2003 auf 2004 stieg diese Zahl von 130 auf 176. 2005 wurden schon 205 Brandstiftungen gezählt. 2006 werden es noch mehr sein. Die eigene Stadt wird zum Opfer für Leute, die in ihr keine Zukunftschancen mehr sehen. Typen, die eigentlich bei Kotte auftauchen könnten und auch in vielen deftigen Kommentaren auftauchen. Heilig ist dem Autor die ach so prächtigen Messestadt nicht. Warum auch? Er kennt ihre Schattenreiche, die seltsame neue-alte Gier einzelner Zeitungen nach der Brand-Story auf dem Titelblatt, die wohlfeile Geschichtenmacherei diverser Sensationsreporter. Bei ihm heißt der Typ Hönig. Er taucht in den "Titelhelden" genauso wieder auf wie die Mordkommission 2, die auch in "Abriss Leipzig" schon ermittelte. Seinerzeit bekanntlich mit dem tragischen Ende des Grischa Mergenthin, der noch im Finale niedergestochen wurde. War er tot? Die Kotte-Leser konnten nur raten. Der neue Band aber bringt ihn wieder ins Spiel: querschnittsgelähmt im Krankenhaus. Bei Kotte geht es nicht nur mit Schrammen und Blessuren ab. Polizeiarbeit ist gefährlich und selten so logisch und schnell zu erledigen, wie es gerade die furiosen Serien aus den USA vorgaukeln. Serien, die natürlich die Gier der Presse nach dem schnellen Erfolg befeuern. Davon lebte schon "Abriss Leipzig", in dem Hönig mit immer neuen Skandalstories die Treibjagd auf einen (nicht vorhandenen) Serienkiller anheizte. Der Mechanismus ist einfach. Er funktioniert auch immer wieder und erst recht dann, wenn er für jedes Thema, jede Geschichte benutzt werden kann. Mancher hält das für gute Zeitungsarbeit. Nicht umsonst hat Kotte das Thema in den Fokus seines zweiten Krimis aus der Serie gesetzt. Diesmal unter dem Blickwinkel des Täters: Wie verschaffe ich mir meine 15 Minuten Ruhm? Wie komme ich auf die Titelseite? Was muss ich tun, um endlich (wieder) im Mittelpunkt des Interesses zu stehen? Dass sich der Mord an einer Tankstelle an der Delitzscher Straße verquickt mit einem Kunstdiebstahl und Anschlägen rechtsradikaler Hooligans, schafft eine besonders dichte Atmosphäre. Man spürt das Ticken der Großstadt, auch wenn sie in ihren Randbezirken oft piefig und provinziell wirkt. Oder schmierig wie der Chef der Nazi-Partei, der im Buch auftaucht. Denn das Opfer an der Tankstelle ist gleichzeitig aktiver Rechtsaußen gewesen, einer von den Typen, die Lehrstellen verteilen zusammen mit dem Aufnahmeantrag in die NPD. Saubermänner, die scheinbar nur alles in Ordnung bringen wollen und immer so recht haben. Ein Mord vielleicht unter Konkurrenten im Milieu? Auch diese Typen wollen doch die dicken Schlagzeilen, sonst kommen sie ja nicht ins Gerede. Die Mord 2 um Lars Kohlund muss unter Druck ermitteln, denn auch der Staatsschutz will Ergebnisse. Und wer hat das Foto vom Tatort geschossen, das am nächsten Tag die Titelseite der Zeitung schmückt? Wer's wissen will, muss lesen. Das wird hier nicht verraten. Wer liest, wird auch merken, wie Kottes Stil an Fahrt gewinnt. Er schreibt nicht mehr so kantig, so provozierend. Das "Blutige, Makabre", das einmal einen Zeitungs-Kritiker so begeisterte, lichtet sich anders ab, hört auf, den Erzählfluss sperrig zu unterbrechen. Kottes Erzählstil wird schneller. Verständlich, wenn man spürt, was er da alles noch erzählen will. Seine Ermittler - so wenig schnittig sie sind - werden wieder auftauchen im nächsten Buch, ihre Ehekonflikte mitschleppen, ihren Kummer mit den eigenen Sprößlingen und die ewigen Ost-West-Konflikte, die mitten durch die Kommission zundern. Auch Kottes Ermittler sind Typen, die wissen, wie schmal der Grad ist in die Gewalt, das Unüberlegte. Typen, mit denen man schon mal ein Bierchen trinken würde, wenn sich's ergäbe. Was sie von den Deppen der SOKO Leipzig sehr wohl unterscheidet. Kotte lebt in dieser Stadt. Das ist der brisante Stoff, mit dem er arbeitet. Genießerisch zuweilen und immer kenntnisreich. Man kann ihm eigentlich nur wünschen, dass er vom deutschen TV nie verfilmt wird. |